Die Geschichte beginnt mit größeren Mengen exzellenten und fair gehandelten Kaffees, zubereitet und getrunken in einem Coffee Shop in Madison, einer Stadt im US-Bundesstaat Wisconsin. Hauptperson der Geschichte ist Nasser Abufarha, geborener Palästinenser, der zu diesem Zeitpunkt an seiner Dissertation arbeitete (Thema Kulturanthropologie und internationale Entwicklung – wollten Sie das wirklich wissen?) und daher einer der Stammkunden in jenem Coffee Shop in Madison war.

Nasser Abufarha: „…für mich war die Chance in den USA studieren zu können auch die Verpflichtung, mich für meine Landsleute einzusetzen.“

Während er seinen Kaffee und eine Schreibpause genoss, begann Nasser über das Konzept des Fairen Handels nachzudenken. Wenn Kaffeekleinbauern von diesem System profitierten, könnte der Faire Handel vielleicht auch den Olivenbauern im Umland von Jenin, Nassers Heimatstadt, zum Vorteil gereichen? Mit seinem Doktortitel, seinem Charme, Enthusiasmus, seinem Geschäftssinn und einer Green Card hätte Nasser problemlos ein gutes und sorgenfreies Leben in den USA wählen können, weit weg von den politischen Problemen und der Armut in der West Bank. ‚Aber Palästina ist meine Heimat’, sagt Nasser ‚ich hatte Glück und bekam die Chance, in den USA zu studieren, aber für mich war die Chance auch die Verpflichtung, mich für meine Landsleute einzusetzen, der Gemeinschaft aus der ich komme, etwas zurückzugeben’.

Bei seiner Rückkehr nach Jenin waren für Nasser die Probleme mit denen die Olivenbauern zu kämpfen hatten offensichtlich: Der lokale Markt für Olivenöl war klein, das Öl im benachbarten Israel zu verkaufen oder sogar zu exportieren war kompliziert und für den individuelle Kleinbauern mit hohen Kosten verbunden, weshalb die meisten ihr Öl zu niedrigen Preisen an Mittelsmänner verkauften. Keiner der Bauern rund um Jenin, mit denen Nasser sprach, verdiente mit seinen Oliven genug Geld um seine Familie zu ernähren. Die meisten mussten andere Arbeit annehmen und einige hatten ihre Olivenhaine einfach aufgegeben.

Anfang Herbst werden die Oliven handgepflückt und sofort nach der Ernte gepresst.

2004 gründete Nasser die Palestinian Fair Trade Association (PFTA) und Canaan Fair Trade, eine Verarbeitungs- und Vertriebsfirma mit einer Exportlizenz. Seitdem hat sich das Leben tausender Palästinenser und ihrer Familien von Grund auf verändert: Sie produzieren hervorragendes Olivenöl und bekommen dafür nicht nur einen guten Preis, sondern auch eine Fair Trade Prämie. Die Oliven werden von Hand geerntet und sofort zur Weiterverarbeitung an Canaan geliefert. Die Ölmühle dort entspricht dem neusten Stand der Technik und sorgt dafür, dass bei der Pressung der Geschmack und die Qualität des Öls erhalten bleiben.

Canaan’s state-of-the-art Presse. Dekoriert mit Kalligraphien von Wörtern, die bezeichnend sind für das Fair Trade-Konzept und die Kultur der Olivenernte als Würdigung der Arbeit der Bauern.

In der modernen Abfüllanlage wird das Öl in Flaschen gefüllt, verpackt und in alle Welt verschifft – selbstverständlich auch in die EU und die USA. Canaan ist heute eine gut etablierte Marke für hervorragendes Olivenöl und die palästinensischen Olivenbauern bekommen dafür einen guten Preis. Aber für die meisten bedeutet Fair Trade noch weit mehr: ‚Für mich bedeutet Fair Trade stolz sein zu können. Mein Leben hat Würde und uns geht es so viel besser als früher. Anstatt mein Land verkaufen zu müssen, um leben zu können, kaufe ich Land (…), ich investiere in dieses Land und verdiene mein Geld als Bauer’, erzählte Odeh Abed Al Aziz Ali einer Sozialwissenschaftlerin, die über sieben Jahre eine Langzeitstudie über die Auswirkungen des Canaan Fair Trade Projekts erstellte.

Derweil arbeitet Nasser Abufarha weiter an seinem Traum – Canaan hilft Bäuerinnen-Kooperativen neue Einkommensmöglichkeiten zu finden, vergibt Mikrokredite, organisiert Praktika und Stipendien. Und wer weiß, welche Pläne Nasser sonst noch für die Zukunft hat – die nächste Idee ist vermutlich nur ein Tasse Kaffee entfernt.

Photo credit: Canaan Fair Trade