Der 52-jährige S.V. Chitra ist Vorarbeiter auf der Gummiplantage New Ambadi im südindischen Staat Tamil Nadu. Und er ist stolzer Vater zweier Töchter. Die jüngere, Vasudevan, heiratete vor gut einem Jahr.

Was bedeutet, dass S.V. Chitra auch ein zufriedener Mann ist. Nicht nur weil Vasudevan mit ihrem Mann glücklich ist, sondern auch, weil die Mitglieder des Joint Body (die Männer und Frauen, die von ihren Kollegen nominiert wurden darüber zu entscheiden, wofür die Fair Trade Gelder ausgegeben werden sollen) Chitra einen zinslosen Kredit von Rs 40.000 (Euro 480) gegeben haben. Nein, das Geld wurde nicht für die Bewirtung der etwa eintausend Hochzeitsgäste gebraucht, glücklicherweise ist es in Tamil Nadu üblich, dass die Gäste ein Geldgeschenk machen, das die Kosten für Essen und Getränke abdeckt. Der Kredit diente dazu, Vasudevans Ersparnisse aufzubessern – sie ist Lehrerin – und davon Goldschmuck zu kaufen.

In den Goldbasar der nahegelegenen Stadt zu fahren um Goldketten und Armreifen zu kaufen klingt wunderbar, aber ob ihr der Schmuck steht oder nicht ist für Vasudevan zweitrangig, der Schmuckkauf ist vor allem eine finanzielle Investition (weshalb in der Heiratssaison im Dezember und Mai die Goldpreise steigen). Mit ihrem Hochzeitstag wurde Vasudevan Mitglied der Familie ihres Mannes, aber ihr Schmuck gehört weiterhin nur ihr, sie verfügt darüber. Der Tradition folgend wird sie am Hochzeitstag ihrer Tochter einige Stücke schenken, so wie ihre Mutter das bei ihr getan hat. Dieses Arrangement beinhaltet eine unausgesprochene Botschaft: Sollte Vasudevan sich mit ihrem Mann überwerfen und sich scheiden lassen, dann könnte sie ihren Schmuck verkaufen und hätte genug Geld, um ein neues Leben zu beginnen.

Gerade ist allerdings Vasudevans einzige Sorge, dass sie zu wenig von ihrem Mann sieht. Er ist gerade nach Bhopal versetzt worden, eine Stadt etwa 2000 km nördlich von ihrem Wohnort, und derzeit sehen sich die beiden nur alle zwei bis drei Monate, wenn Vasudevans Mann für ein langes Wochenende Urlaub bekommt. Vasudevan unterrichtet Physik an einem Junior College, entsprechend etwa einem Gymnasium, ihre Schüler sind 16 oder 17 Jahre alt. ‚Ich liebe meinen Beruf’, sagt Vasudevan ‚und ich werde nur nach Bhopal zu meinem Mann ziehen wenn ich sicher bin, dass ich dort als Lehrerin arbeiten kann’.

Ein Satz, der aus dem Munde einer jungen Frau in Europa oder den USA nicht ungewöhnlich ist, aber für eine junge Inderin ist eine solche Aussage alles Andere als selbstverständlich: Selbst wenn ihr Mann oder ihre Schwiegereltern ihre Entscheidung, berufstätig zu bleiben nicht billigen, gibt ihr die finanzielle Absicherung über ihren Goldschmuck die Freiheit, zu tun was sie für richtig hält und weiter zu unterrichten. Auf diese Weise verändert ein zinsfreies Darlehen, das über die von Fair Squared (über den Fair Rubber Verein) bezahlte Fair Trade Prämie mitfinanziert wurde, das Leben einer indischen Familie: Das von S.V. Chitra, der sich für die Heirat seiner jüngsten Tochter nicht verschulden musste. Und das von Vasudevan, der es die Freiheit gibt, über ihre Zukunft selbst zu entscheiden.

Photo credit: Fair Rubber © Martin Kunz