Einzeln stehend, mit knochigen Stämmen und dornigen Zweigen, auf denen gelegentlich ein paar Ziegen balancieren, um an die kleinen, dunkelgrünen Blätter und die Früchte zu gelangen – das sind Arganbäume. In Marokko – und nur hier – wachsen die Arganbäume wild; sie prägen die Landschaft zwischen den Städten an der Küste und dem Atlasgebirge. Die hervorragenden Eigenschaften des Öls, das sich aus den Argannüssen gewinnen lässt, sind seit langem bekannt und viele marokkanische Frauen benutzen das Öl zum Kochen und für kosmetische Produkte. Für Zoubida Charrouf, Professorin an der Universität, ist das allerdings beinahe eine Nebensache. „Die Arganbäume sind ein grüner Vorhang“, sagt sie*, „sie sind die letzte Barriere zwischen uns und der Wüste. Wenn die Bäume verschwinden kommt der Sand.“ Seit Mitte der 80iger Jahre beschäftigt sich die Phytochemikerin mit Arganbäumen. Auch in Marokko begannen sich damals Städte und Siedlungen mit Neubauten auszubreiten, jährlich wurden etwa 600 ha mit Arganbäumen bestandener Flächen abgeholzt. Ein Trend, der langfristig und im ursprünglichen Sinn des Wortes zu einer Verwüstung geführt hätte. Für Zoubida Charrouf war klar, dass die Bäume nur überleben würden, wenn ihr Erhalt sich wirtschaftlich lohnen würde: Arganöl schien die perfekte Lösung. Von Hautcremes bis zu Haarpflegemitteln – Arganöl wird in der Kosmetikindustrie für die Herstellung einer breiten Palette von Produkten verwendet. Die Frage war nur, ob die Frauen, die bis dahin mit traditionellen Methoden Öl für den Eigenbedarf herstellten, viel größere Mengen würden produzieren können, dazu in einer für den Export geeigneten Qualität?

1996 gründete sich unter Anleitung von Zoubida Charrouf und ihren Mitarbeiterinnen die erste Arganöl – Frauenkooperative. Mit internationalen Fördermitteln konnte die erste moderne Ölpresse angeschafft werden. Zusammen mit dem strikten Protokoll für die saubere Abfüllung in Flaschen ließ sich die Haltbarkeit des Öls von bisher 3 bis 6 Monaten auf 2 Jahre steigern. Auf einmal wurde Arganöl aus Marokko für internationale Kosmetikkonzerne zum begehrten Produkt. Heute, sagt Zoubida Charrouf, sind in Marokko mehr als 2 Millionen Menschen an der Herstellung von Arganöl beteiligt. Die Bäume werden gepflegt, auf Freiflächen werden Setzlinge gepflanzt und inzwischen sagt sie, schrumpft der grüne Vorhang zumindest nicht mehr und schützt die Menschen vor dem Vorrücken der Wüste.

Eine der Arganöl – Frauenkooperativen, Tighanimine, wurde 2011 Fairtrade zertifiziert, erzählt Imane Chafchaouni-Bussy. Sie ist Mitarbeiterin der Nichtregierungsorganisation Ibn Al Baytar (Präsidentin ist Zoubida Charrouf) und war von Anfang an beim Aufbau von Tighanimine mit dabei. Das Öl wird noch immer überwiegend in Handarbeit hergestellt, sagt sie, das solle auch so bleiben, denn nur so hätten die Frauen Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten. Von Mitte Juli bis Ende August reifen die Früchte an den Bäumen. Die Frauen sammeln und lagern sie, unbearbeitet halten sich die Früchte über Monate und können so nach und nach verarbeitet werden. Dazu muss zunächst das Fruchtfleisch entfernt werden, dann wird die darin befindlich Nuss von Hand mit einem Stein geöffnet und der Kern entfernt. Schließlich werden die Argankerne sortiert, geröstet und zu Öl verarbeitet. Eine Frau braucht etwa einen Tag um genug Nüsse für ein Kilo Kerne zu knacken, für einen Liter Öl werden ca. 2.5 kg Kerne benötigt…

Die Ölgewinnung war von jeher Frauensache, aber die Tatsache, dass sich damit Geld verdienen lässt, hat die gesellschaftliche Position der Frauen deutlich verbessert. ‘Anfangs waren nur Witwen und einige geschiedene Frauen bereit, mit uns zusammenzuarbeiten’, erzählt Zoubida Charrouf, ‘inzwischen beteiligen sich Frauen aller Altersstufen.’ ‘Die meisten Frauen haben keinerlei Ausbildung’, sagt Imane Chafchaouni-Bussy, deshalb biete die Nichtregierungsorganisation Kurse an, in denen die Frauen Lesen und Schreiben lernen können. In Tighanimine haben die Frauen die gesamte Verwaltungsarbeit übernommen und bearbeiten Bestellungen am Computer. Dass bislang nur diese Kooperative Fairtrade – zertifiziert ist, hat damit zu tun, dass im Fairen Handel der Weg eines Produktes vollständig nachverfolgbar sein muss. Das ist nur möglich, wenn – so wie bei Tighanimine – die Bäume in Familienbesitz sind. Das ist eher selten, die meisten Kooperativen sammeln die Nüsse von Bäumen auf staatlichem Land. Mehr als 60 Frauen gehören inzwischen zu Tighanimine. Mit ihrem Verdienst ermöglichen viele ihren Kindern den Besuch weiterführender Schulen, das Leben ist ein bisschen besser geworden. Im marokkanischen Sommer ist ein Kühlschrank kein Luxus, sondern Notwendigkeit, und mit der Fairtrade Prämie lassen sich dann sogar ein paar Extras bezahlen – von neuen Kleidern bis hin zu einem Fernseher für die Familie.

Zoubida Charrouf denkt derweil an die Zukunft. Es sei nicht gut, dass die Kooperativen nur von einem Produkt, nämlich Argan Öl leben würden. Sie studiert derzeit die Pflanzen, die im Umfeld der Bäume wachsen. Darunter seien einige mit medizinischer, pflegender und heilender Wirkung – vielleicht können die Frauen sie in Zukunft ebenfalls nutzen.

* Quelle: CNN Interview 2014 http://moroccoonthemove.com/2014/03/10/zoubida-charrouf-story-behind-moroccos-argan-oil-cnns-african-voices/#sthash.QgzbY1HU.dpbs