Bei Anbruch der Abenddämmerung wird es auf der Dorfstraße von Mevesa lebendig. Von überall her kommen Kühe, Kälber, Ochsen und Wasserbüffel. Manche werden von Hirten begleitet, andere finden ihren Weg allein. Nach einem langen, heißen Tag auf den manchmal weit entfernt liegenden Weiden kommen sie zur Tränke im Zentrum des kleinen Ortes. Es gibt eine strenge Rangordnung, manche Tiere können sofort trinken, andere müssen anstehen, bis ein Platz frei wird.

Der frühe Abend ist auch für die Frauen im Dorf die Zeit, um Wasser vom Trinkwasserbrunnen in einem Hof hinter der Viehtränke zu holen und die Nachbarinnen zu treffen. Mit Grazie balancieren sie nicht nur ein, sondern oft zwei der bauchigen Wassergefäße auf dem Kopf.
110 Haushalte gibt es in Mevesa, einem Dorf etwa 70 km südlich von Rajkot im westindischen Bundesstaat Gujarat gelegen. Gut die Hälfte der Bauern arbeitet mit Suminter zusammen, einem indischen Unternehmen, das nicht nur seit Langem mit bio- und Fairtrade-zertifizierten Waren handelt, sondern die Bauern auch in vielfacher Weise unterstützt, von Schulungen im Biolandbau bis zur Umsetzung von Fairtrade-Projekten.

Einige der Bauern treffen wir auf der Veranda eines der Gehöfte, die Männer in traditionellen, ärmellosen Baumwollwesten, weiten Hosen und einem zu einer Art Turban geschlungenen Tuch um den Kopf. Die älteren tragen breite Silberarmbänder, bei den jüngeren liegen verspiegelte Sonnenbrillen im Trend. Die Frauen sitzen ein wenig abseits, folgen der Diskussion aber aufmerksam – sie sind nicht nur bei der Baumwollernte gefragt, sondern sie kümmern sich auch um die Kühe – nur das Abliefern der Milch bei der Sammelstation im Dorf ist Männersache.
Biolandwirtschaft und Kühe gehören für die Bauern zusammen. Kuhmist ist ein wertvoller Dünger, Kuhurin ein wichtiger Bestandteil der Biopestizide, die die Landwirte selbst herstellen. Sie vermischen ihn mit bitteren Kräutern (Faustregel: alles, was eine Ziege nicht frisst) und Zucker und lassen das Gebräu einige Tage fermentieren. Selbstverständlich sind die Ochsen bei der Feldarbeit im Einsatz. Und beim Biolandbau dürfen natürlich auch für den Anbau von Tierfutter keine Agrarchemikalien eingesetzt werden. Das bessere, natürliche Futter hat sich positiv auf die Milchqualität ausgewirkt: Sie enthält mehr Fett und das bedeutet mehr Geld pro Liter für die Bauern.

Eines der Projekte, das die Bauern mit Fairtrade-Prämiengeldern für Baumwolle finanziert haben, war das ‚cattle camp’. Während dieser ‚Rinder-Tage’ wurden die Tiere untersucht und gegen eine Reihe von Viruskrankheiten geimpft. Die Bauern lernten, wie sich durch bessere Hygiene die Qualität der Milch verbessern lässt und wie sie Gesundheitsprobleme bei ihren Tieren erkennen und selbst behandeln können. Der Erfolg ist beeindruckend: Während früher pro Jahr etwa 20 % der Kühe starben, sind es jetzt nur noch 5 %.
Die meisten Bauern besitzen nicht mehr als 7 oder 8 Tiere, zwei Kühe, drei bis vier Ochsen, dazu ein Wasserbüffel. Kühe und Ochsen sind so wichtig, dass sie beinahe den Status von Familienmitgliedern haben.

Amarshi Bhai lebt in Dhola Pipalya, einem Nachbarort von Mevesa. Auf der Veranda hängt neben Bildern der Familie auch das Foto eines Kälbchens. Es starb zwei Monate nach der Geburt und das war nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein emotionaler Verlust. Amarshi Bhai besitzt etwa 1,2 Hektar Land, auf einem Drittel baut er Baumwolle an. Mit nur drei Kühen gehört die Familie zu den ärmeren im Dorf, einen Ochsen für die Feldarbeit muss Amarshi Bhai von einem Nachbarn leihen. In einer Suminter-Schulung hat er jedoch gelernt, Wurmkompost und Komposttee herzustellen. Die Überdachung der kleinen Wurmkompostanlage wurde mit Fairtrade-Geldern bezahlt und dient als Demonstrationsprojekt: Amarish Bhai zeigt Nachbarn und Besuchern, wie er arbeitet und führt zusammen mit Suminter-Mitarbeitern Trainingskurse durch. Der Verkauf von Kompost ist eine zusätzliche Einnahmequelle.

Die Bodenverbesserung z. B. mit Kompost ist extrem wichtig. Je besser die Bodenqualität ist, desto mehr Regenwasser kann gespeichert werden. In Gujarat regnet es meist nur während des Monsuns zwischen Mitte Juni und September. Während man sich bis vor etwa 10 Jahren auf den Beginn der Regenzeit und damit den Zeitpunkt für die Aussaat noch beinahe auf den Tag genau verlassen konnte, bleibt inzwischen der Regen in manchen Jahren ganz aus. In anderen Jahren gibt es Wolkenbrüche von solcher Heftigkeit, dass viel Ackerboden weggespült wird, oft werden sogar Straßen, Brücken und Häuser durch die Fluten weggerissen. Im Juli 2017 fielen innerhalb von 24 Stunden 580 mm Regen – fast das Jahresmittel von London. Selbst der beste Boden kann solche Wassermassen nicht aufnehmen, sagen die Bauern, aber seit sie ihr Land biologisch bewirtschafteten, seien sie gegen Überflutungen und Dürre besser gefeit als ihre konventionell arbeitenden Nachbarn.

Amarish Bhai zeigt uns das Feld seines Cousins. Unter der Anleitung der Suminter-Berater und finanziert über einen Regierungskredit hat er Schläuche für Tropfenbewässerung angeschafft. Knapp einen Hektar Land bepflanzt er in der Regel mit Baumwolle, bisher lag der Ertrag etwa bei 1.000 kg. Jetzt, im ersten Jahr mit Tropfenbewässerung, waren es 3.200 kg. Der Grund: Er konnte mit der Aussaat im Mai beginnen, deutlich vor dem Beginn des Monsuns, und das bedeutete, dass die Baumwolle blühte, bevor der schlimmste Baumwollschädling, der Baumwollkapselwurm, auch nur aus dem Ei gekrochen war. Und als die Regenzeit begann, waren die Baumwollpflanzen schon groß und verwurzelt genug, um auch einen Wolkenbruch zu überstehen. Viele der Suminter-Bauern haben das Feld besucht und würden jetzt ebenfalls gerne in Tropfenbewässerung investieren. Wenn sie genug Baumwolle unter Fairtrade-Bedingungen verkaufen können, reicht die Prämie vielleicht, um dafür ein Fairtrade-Kleinkreditprogramm zu starten. Die Kühe würden das vermutlich auch begrüßen, sie bekommen einen Teil der abgeernteten Baumwollpflanzen zu fressen und für Kühe sind diese scheinbar schmackhaft.

Photo credit: Fair Rubber © Martin Kunz