Bio-Rohrzucker: Indische Bauern setzen darauf, dass Sie Süßes lieben – und auf die Zukunft ihrer Kinder

Flach, trocken, staubig und heiß – das ist das Bild des ländlichen Indiens spätestens seit Schauspieler Ben Kingsley als Gandhi auf den Salzmarsch ging. Drehort hätte Solapur sein können, der Landkreis um die gleichnamige Stadt im Süden des Bundesstaates Maharashtra. Etwa 17.000 Bauernfamilien leben hier, die meisten besitzen nicht mehr als ein bis eineinhalb Hektar Land und wer kann, der baut darauf Zuckerrohr an. „Im letzten Jahr hat uns die künstliche Bewässerung gerettet“, sagt Pradeep Kanchan, Mitarbeiter von Suminter, einer indischen Organisation, die Kleinbauern bei Anbau, Verarbeitung und Vertrieb von Bio-Produkten unterstützt. Herr Kanchan ist zuständig für das Suminter Zuckerrohrprojekt in Maharashtra. 2009 half er den ersten Bauern bei der Umstellung auf Biolandbau, inzwischen gibt es im Bezirk Solapur 1.500 Bio-Bauern in 12 Dörfern.

2014 organisierte Suminter die Fairtrade Zertifizierung einer der Kooperativen – 500 Bauern bekommen jetzt für ihren Bio-Zuckerrohr zusätzlich einen Fairtrade Aufschlag. Warum nur eine Kooperative? Warum sind nicht alle Suminter Bauern am Fairen Handel beteiligt? Die Antwort ist einfach: Wir kaufen nicht genug Fairtrade Biozucker. „Bei uns fragen ständig Bauern an und möchten Mitglied bei Suminter werden und auf Biolandbau umstellen“, sagt Pradeep Kanchan, „aber so lange der Markt für Fairtrade zertifizierten Biozucker nicht wächst, nehmen wir niemanden mehr auf. Wir müssen jedes Jahr die Bio- und die Fairtrade Zertifizierung bezahlen, das ist sehr teuer, und es nützt niemandem, wenn wir mehr Fairtrade Biozucker produzieren als wir verkaufen können.“

Dabei hat sich schon im ersten Fairtrade Jahr gezeigt, dass die Prämie wirklich helfen kann: die Bauern haben sie als Zuschuss für die Anschaffung von Tropfenbewässerungssystemen genutzt. In den letzten Jahren sind in diesem Teil Maharashtras viele Staudämme gebaut worden und durch ein Netzwerk von Kanälen haben fast alle Bauern die Möglichkeit, ihre Felder künstlich zu bewässern.

Doch auch in Indien ist der Klimawandel inzwischen deutlich zu spüren, auf den Beginn des Monsun ist kein Verlass mehr, in manchen Jahren bleibt der Regen ganz aus, und dann sinkt der Wasserspiegel in den Stauseen dramatisch ab. Die meisten Bauern nutzen elektrische Pumpen, um ihre Felder mit Wasser aus den Kanälen zu fluten – eine verschwenderische Methode der Bewässerung, denn in Dürrejahren ist längst nicht genug Wasser für alle verfügbar. Die Umstellung auf Tropfenbewässerung ist zwar teuer, aber langfristig ist diese Wasser sparende Methode die einzige Möglichkeit, um komplette Ernteausfälle zu vermeiden.

In guten, das heißt regenreichen Jahren werden die Zuckerrohrstecklinge nach dem Beginn des Monsuns im Juni gepflanzt. Bis zur Reife vergehen mindestens 10 Monate. Wann die Bauern ernten, hängt jedoch auch von der Kapazität der Zuckermühlen ab. Nach dem Wetter ist Politik der zweitwichtigste Faktor für Zuckerbauern in Indien. Der Zuckermarkt ist staatlich reguliert, die Regierung setzt Mindestpreise und Höchstpreise fest, die Verarbeitung von Zuckerrohr ist teuer, Proteste und Auseinandersetzung zwischen Bauern und Mühlen sind keine Seltenheit.

Suminter arbeitet mit einer Mühle zusammen, die nur Bio-Zuckerrohr verarbeitet und gute Qualität garantiert. Der Bioaufschlag garantiert den Bauern bessere Preise – sofern Suminter die Ware auf dem internationalen Markt verkaufen kann. Das Problem bleibt, dass Zuckerrohr in diesem Teil Maharashtras das einzige Erzeugnis ist, womit Bauern Geld verdienen können. „Gut ist, dass über den Bioanbau neue Verdienstmöglichkeiten geschaffen werden“, sagt Pradeep Kanchan. Suminter organisiert Kurse, in denen die Bauern Techniken lernen, mit denen sich zusätzlich Geld verdienen lässt: die Herstellung von Wurmkompost, von Biopestiziden oder die Extraktion von Neemöl (Neem-Bäume wachsen überall in Indien, und Neemextrakt wird nicht nur im Biolandbau, sondern auch in vielen medizinischen und kosmetischen Produkten verwandt). Suminter ermutigt die Bauern auch ein paar Kühe, Büffel oder Hühner zu halten, um Milch bzw. Eier für den lokalen Markt zu produzieren – selbst wenn es nur für die Nachbarn reicht: auch ein kleines Zusatzeinkommen hilft, zumal es oft die Frauen sind, die auf diese Weise ihren ersten Verdienst erwirtschaften können und dann beginnen, eigenständige Entscheidungen zu treffen.

In den letzten Jahren sind Infrastruktur und Kommunikation in Maharashtra deutlich verbessert worden, sagt Herr Kanchan, und dadurch seien gerade in ländlichen Gebieten neue Arbeitsplätze entstanden – kleine Werkstätten und Reparaturbetriebe, Läden, in denen man online bestellte Waren abholen kann, Firmen, die Solarpanele installieren. Früher blieb der älteste Sohn auf dem Hof, die anderen Kinder zogen nach Pune oder Mumbai, um Geld zu verdienen, sagt Pradeep Kanchan. Heute finden auch gut ausgebildete junge Leute Arbeit in ländlichen Gebieten – Biolandbau und Betriebe, die für organische Landwirtschaft notwendige Dienstleistungen erbringen gehören dazu. Schließlich kann man sich nicht nur darauf verlassen, dass wir in Europa mehr Fairtrade Biozucker essen.