Mit 1,5 Millionen Einwohnern gehört Coimbatore im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu allenfalls zu den mittelgroßen Städten Indiens, und mit nur einer Start- und Landebahn ist der Flughafen nicht gerade ein internationaler Knotenpunkt. Doch wenn man in der unterkühlten Ankunftshalle am Gepäckkarussell auf den Koffer wartet, dann fallen die vielen westlichen Geschäftsreisenden auf, die Herren in Anzug und Krawatte, die Damen im gedeckten, zeitlos eleganten Kostüm oder Hosenanzug, den Aktenkoffer neben sich und das Mobiltelefon in der Hand. Sie schauen sich suchend um, bis sie am Ausgang ein Schild mit ihrem Namen gefunden haben. Ein Firmenfahrer wird sie in einem klimatisierten Auto zu ihrem Ziel bringen: eine von hunderten kleiner und großer Firmen im Umkreis von Coimbatore oder dem weiter östlich gelegenen Tiruppur, der ‚Baumwoll-Strickhauptstadt’ Indiens. Indiens Bauern produzieren nicht nur sehr viel Baumwolle und sind weltführend bei Bio-Baumwolle, fast alles wird auch im Land verarbeitet. Was in Tiruppur zu Faden versponnen, auf riesigen Maschinen zu feinmaschigem Stoff gestrickt und dann zu T-Shirts, Unterwäsche, Bettwäsche, Kinderkleidung, Strickhemden, Yogahosen, Taschen, Beuteln und Sweatshirts genäht wird, geht zu 90 % in den Export.

Im Gewirr der Ausfall-, Ring- und Schnellstraßen ist es schwer, die Orientierung zu behalten. Die Fabrikgebäude liegen hinter langen Mauern verborgen oder befinden sich in neu angelegten Industrieparks, manchmal sind die Zufahrtsstraßen noch nicht fertig, aber die Produktion läuft bereits auf Hochtouren.
Auch die FAIR ZONE Unterwäsche, die kleinen Bio-Baumwollbeutel für die FAIR SQUARED Period Cups und die waschbaren Abschminkpads werden in Tiruppur hergestellt. Reacher ist eine der kleinen Firmen, gegründet von zwei langjährigen Freunden, die sich 2009 den Traum von der Selbstständigkeit verwirklichen konnten. In einem freundlichen Gebäude im Stadtkern von Tiruppur liegen die Büroräume und hier werden auch die Muster gemacht. 12 Zuschneider, Näherinnen und Näher arbeiten zusammen mit einem erfahrenen Schneidermeister: die meist per E-Mail von den ausländischen Kunden übermittelten Schnittmuster und Angaben zu Nähten, Knopfleisten, Bordüren und Verschlüssen in perfekte Muster umzusetzen ist eine wirkliche Kunst.

Die Fertigung ist inzwischen in ein ganz neues, von Palmen umstandenes, lichtes Fabrikgebäude am Stadtrand von Tiruppur ausgelagert. Auf der unteren Ebene ist das Lager, Regale voller Stoffballen, fein säuberlich getrennt in konventionelle Baumwolle, Bio-Baumwolle, Fairtrade-Bio-Baumwolle und konventionelle Fairtrade-Baumwolle – Auditoren sind hier sehr streng, wo, wie bei FAIR SQUARED und FAIR ZONE, Fairtrade-Bio-Baumwolle auf dem Etikett steht, muss sie auch nachweisbar enthalten sein. Deshalb muss vom Feld bis zum Endkunden die Trennung stets eingehalten werden.

In der Fabrik arbeiten 30 festangestellte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, 20 weitere werden zu 80 % beschäftigt, was den meisten sehr recht ist: So bleibt genug Zeit für die Kinder, Haushalt und Familienbesuche. Alle sind sozialversichert und können an den regelmäßigen von Reacher finanzierten Augenuntersuchungen teilnehmen: Näher und Näherinnen beanspruchen bei der Arbeit ihre Augen extrem, regelmäßige Kontrollen der Sehfähigkeit und Augengesundheit sind deshalb sehr wichtig.

Die Löhne bei Reacher liegen 5–7 % über dem Durchschnitt, qualifizierte Mitarbeiter sind gesucht in Tiruppur und finden schnell eine andere Stelle, wenn sie in einer Firma unzufrieden sind. Überall in der Stadt sind Zettel und Plakate angeschlagen – Jobangebote von Textilfirmen. Der Lohn bei Reacher entspricht dem sogenannten ‚living wage’ für eine Einzelperson: mit diesem Einkommen kann er oder sie den eigenen Lebensunterhalt bestreiten. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn jeder genug verdienen könnte, um eine vier- bis fünfköpfige Familie zu ernähren. Aber um das zu ermöglichen, müssten die Kundinnen und Kunden in Europa, den USA, Japan und Australien deutlich mehr für ihre Baumwollprodukte zahlen. Bei Reacher sind dennoch die Arbeitsbedingungen gut. In vielen Firmen werden Migranten beschäftigt, junge Frauen und Männer, die aus den besonders armen Teilen Indiens stammen. Sie leben in Sammelunterkünften, oft tausende Kilometer entfernt von ihren Familien im Norden und Osten Indiens und schicken den Großteil ihres Verdienstes nach Hause. Die meisten sprechen kein Tamil, können sich also nur schwer verständigen und auch an Klima, Sitten und Essen muss sich, wer aus dem Norden in den Süden kommt, erst einmal gewöhnen. Für junge Frauen müssen oft die Eltern den Arbeitsvertrag unterschreiben, und sie lassen die Tochter nur gehen, wenn der Arbeitgeber garantiert, dass die Mädchen nicht mit jungen Männern ausgehen. Aus diesem Grund konfisziert die Firma dann oft die Mobiltelefone der jungen Frauen, die nur unter Aufsicht mit ihren Familien sprechen dürfen.

Die jungen Migranten bewahren oft ihre Eltern und Geschwister vor Armut und Hunger, aber eine Firma wie Reacher zeigt, dass es auch anders geht: Alle Mitarbeiter stammen aus einem Umkreis von 400 km um Tiruppur. Vom oberen Stockwerk des Firmengebäudes kann man die einfachen, meist aus zwei Zimmern bestehenden Häuser sehen, in denen die Familien jetzt wohnen. Große Teile Tamil Nadus sind extrem trocken und sehr heiß. Das meiste Ackerland ist im Besitz weniger Großgrundbesitzer, viele Bauern sind landlos und mußten sich lange als landwirtschaftliche Tagelöhner verdingen. Die Baumwollindustrie in Tiruppur hat das geändert. Junge Männer und Frauen, junge Paare und oft ganze Familien kommen in die Stadt und finden meist sofort Arbeit. Einige Bauunternehmer haben sich auf den Bau von kleinen, erschwinglichen Häusern spezialisiert, die die Familien mieten und später kaufen können. Mit zwei Einkommen ist das eigene kleine Haus ein durchaus realistisches Ziel – vor allem, wenn man morgens zur Arbeit bei Reacher laufen kann.